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Thema

Mental Health am Arbeitsplatz

Schaffst du das noch?

Der Arbeitstag verfliegt, der Schädel brummt, die To-do-Liste nimmt kein Ende. Überfordert und ausgelaugt endet der Nine-to-Five. Fast jede:r Zweite bewertet den eigenen mentalen Gesundheitszustand als schlecht bis sehr schlecht. In einer Zeit, die von Volatilität und Unsicherheit geprägt ist, rückt die mentale Gesundheit in den Fokus. aehre geht der Sache nach: Was können Unternehmen tun, um das seelische Wohl ihrer Mitarbeiter:innen zu stärken?

„Wir haben eine Arbeitswelt gestaltet, von der man sich erholen muss. Unser Normal ist es, abends erschöpft aufs Sofa zu fallen“, sagt die Berliner Psychotherapeutin und Mental-Health-Expertin Nora Dietrich. 80.000 Stunden unseres Lebens verbringen wir im Job – „also muss genau das der Ort sein, an dem unsere Gesundheit erhalten und gefördert wird.“

Doch die Realität sieht anders aus. 32 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland bezeichnen sich laut AXA Mental Health Report 2025 als psychisch erkrankt, 37 Prozent leiden unter chronischen Schlafproblemen. Die EU-OSHA-Pulse-Erhebung bestätigt: Fast ein Drittel der Beschäftigten erlebt Stress, Ängste oder Depressionen, die vorderhand durch ihre Arbeit ausgelöst werden. In Österreich fühlen sich laut Mavie-Stress-Studie 2025 rund 70 Prozent der Mitarbeitenden regelmäßig überfordert; jede:r Zweite stuft den eigenen mentalen Zustand als schlecht ein. Und so alarmiert auch Statistik Austria: Rund 60 Prozent der Angestellten sind einem psychischen Gesundheitsrisiko ausgesetzt.

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PROZENT

der Beschäftigten in der EU erleben Stress, Ängste und Depressionen, die vorderhand durch die Arbeit ausgelöst werden. Quelle: OSHA-PulseErhebung der EU

Wirtschaftskrise, Leistungsdruck, Sorge um den Arbeitsplatz, fehlende Sinnhaftigkeit, ständige Erreichbarkeit, Social-Media-Overload, Infoflut, Orientierungslosigkeit – Dietrichs Forderung: Die Verantwortung für mentale Gesundheit muss vom Individuum zur Organisation wandern. Die Psychotherapeutin veröffentlichte 2025 ihr Buch zu „Mental Health at Work“ und trat als mitreißende Speakerin auf dem HR Summit in Wien auf. Ihr Credo: „Die Verantwortung für Mental Health muss vom Individuum zur Organisation wandern.“ Auch wenn etablierte Onlineplattformen wie Homodea ein enormes Angebot zur individuellen Bewusstseinsbildung und nötigen Selbstverantwortung bereitstellen.

ACHTSAMKEIT UND RESILIENZ ALS PRÄVENTIONSWEGE

Laut „Benefits Trends Survey 2025“ von Willis Towers Watson geschieht dies bereits in 45 Prozent der Unternehmen im DACH-Raum. Die generelle Informationsüberlastung mündet in Entscheidungsmüdigkeit. Fake News und Manipulationstendenzen erschüttern das Vertrauen. Hinzu kommt eine allgemeine Wertekonfusion, denn auch Unternehmen kommunizieren oft eine Ethik nach außen, die in der Realität kaum gelebt wird. „Wie oft kommt es zu Entscheidungen, welche die Gesundheit der Arbeitnehmer:innen tatsächlich über Gewinn und Ertrag setzen?“, fragt Nora Dietrich. Der Mangel an persönlichem Bezug unter den Menschen verschärfe die Situation. „Wir sprechen viel über Prozesse und Team, aber fast immer geht es nur darum, dass wir gut zusammenarbeiten – nicht aber um die Qualität, ob und wie wir auch gerne zusammenarbeiten.“ Ein Blick auf diverse Unternehmen im Detail…

ERSTE BANK SPARKASSEN – DER CAMPUS-ANSATZ

Dr. Eva Hoeltl leitet das hauseigene Gesundheitszentrum der Erste Bank Sparkassen für gut 8.000 Beschäftigte und 100 Lehrlinge. Was sie vor 20 Jahren als kleines Team aufzubauen begann, ist heute ein eigenständiges Gebäude, ein offener Campus für medizinische Versorgung, Physiotherapie, Training und eben auch Psychotherapie. „Die Enttabuisierung der mentalen Themen war und ist mit der größte Erfolg der letzten Jahre“, berichtet die engagierte Arbeitsmedizinerin.
Vier angebotene Programme – Keep Balance, Kids, Relationship und Elder Care – decken unterschiedliche Lebensphasen ab. Dabei entscheidend: Der niederschwellige Zugang, „denn oft hilft bereits ein erstes, unverbindliches Gespräch enorm“, so Dr. Eva Hoeltl. Ganz besonders hätte sich der Jugend-Vertrauensrat bewährt, der als Kommunikator in beide Richtungen agiert. Für junge Kolleg:innen wird auf diese Weise Bestmögliches getan – basierend auf der pragmatischen Überlegung: „Ein:e 16-jährige:r Azubi, die/der seine Ausbildung abbricht, ist allein rein ökonomisch gesehen eine Katastrophe.“

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prozent

der Unternehmen im DACH-Raum sehen Mental Health als Toppriorität. Quelle: Benefits Trends Survey Willis Towers Watson​

ANKERBROT: THEMEN, DIE BEWEGEN

Beim größten Bäcker-Filialisten Österreichs freut sich die HR-Leiterin Alexandra Ballaun über den neuen Stellenwert von Mental Health. Sie installierte für die rund 1.000 Mitarbeiter:innen, neben Yoga und gemeinsamen Wandertagen, das „mentale Coaching“ – höchste Vertraulichkeit wird garantiert. Die beCOMMUNICATIONS & MARKETS NEW WORK Fotos: Stanglwirt, Christian Redl, Unsplash, Pixabay, Shutterstock, Audeering, Markus Eggetsberger, Privat, beigestellt 28 liebtesten Themen in den Workshops sind wertschätzende Kommunikation, „Aufschieberitis“, Schlafhygiene, Konfliktprävention, Atemübungen und Entspannungstechniken.